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24.07.2010
Im Rhythmus der Sanduhr
Auf der ostmalaysischen Tropeninsel Sibu bestimmen Regen und Sonne den Tagesablauf - Die Einwohner nehmen es mit Gelassenheit
Keine Regung, kein Geräusch: In der Mittagshitze wirkt Kampung (Dorf) Duku wie ein verlassener Ort. Nur der dumpfe Aufschlag einer Kokosnuss ringt den herumstehenden Kühen eine müde Kopfbewegung ab. (Foto: Anna Mirecki) Von Anna Mirecki
Die digitale Plastikuhr an Saimas Handgelenk zeigt halb vier. Über der malaysischen Insel Sibu schieben sich die ersten Wolken vor die Mittagssonne. Saima ist die Frau des Häuptlings von Kampung (Dorf) Duku - und die Armbanduhr für sie nichts weiter als ein Schmuckstück. Worauf sie und ihr Mann auf der Veranda ihres Hauses warten, ist das Einsetzen des nächsten Regenschauers. Zwölf Kilometer von der ostmalaysischen Küste entfernt liegt die Palmeninsel Sibu im südchinesischen Meer. Anders als auf dem Festland spricht hier bis heute kaum jemand ein Wort Englisch. In kleinen Holzhütten auf Stelzen, mit Stegen, die meterweit ins Meer ragen, leben 200 malaiische Einwohner geruhsam in einem Fischerdorf. Viele der jüngeren Frauen und Männer sind zum Arbeiten aufs Festland gezogen - es sind vor allem ältere Malaien und Kinder, die hier wohnen. An einem Ort, wo es keine Straßen gibt und keine Telefonleitung, keine Geldautomaten und keine Eile. Mit dem englischen Wort für „Arbeit“ kann Mister Affandi Awang, den die Dorfbewohner „Häuptling“ nennen, nicht besonders viel anfangen. „No work“, sagt er lächelnd und deutet mit dem Finger hin zur Anlegestelle, wo sich sein Fischerboot in den Wellen wiegt. Stelzen ragen hier aus dem Wasser. Sie tragen Awangs Holzhaus und schützen es vor Schlangen und Feuchtigkeit. Wie einer, der im Dorf das Sagen hat, sieht der freundliche Malaie mit buntem Hüftgewand nicht aus. Dass sein Haus aber ein Besonderes ist, erkennt man sofort: Ein Dutzend bunte Tontöpfe, bepflanzt mit tropischen Blumen, säumen seinen Hauseingang. Dazwischen paradieren Hühner, fläzen zwei Katzen in der Sonne. Ein zwanzigminütiger Fußmarsch trennt das Fischerdorf von der nächsten Hotelanlage. Am Häuptlingshaus vorbei, den Sandstrand entlang, windet sich der schmale Betonweg durch den Palmenwald - als hätte der Erbauer versucht, die herunterkrachenden Kokosnüsse zu umtanzen. Wie eine Sanduhr, so sieht die Form der Insel Sibu von oben betrachtet aus: An ihrer engsten Stelle ist sie gerade einmal hundert Meter breit. Eine Verengung mit seltenem Nebeneffekt: Denn von hier lässt sich nicht nur der Sonnenaufgang am östlichen Meereshorizont verfolgen. Ohne sich vom Fleck zu bewegen, sieht man die Sonne am gegenüberliegenden Ufer auch wieder im Meer verschwinden. Rund zehn Jahre ist es her, dass auf Sibu das erste Resort seine Türen öffnete. Seither finden von Abenteuern verwöhnte Malaysia-Urlauber hier vor allem eines: Gelassenheit. zum Schnorcheln Von hier aus umschippern Touristen mit dem Motorboot die Insel. Zahllose unentdeckte Bade- und Schnorchelbuchten schlummern auch auf den anderen Inseln des Archipels. Welche von ihnen bewohnt sind und welche nicht - das kann hier niemand genau sagen. „Aber Touristen sind gut“, freut sich Häuptling Awang über das Interesse an seiner Insel. Besucher bringen Arbeitsplätze. Von Awangs fünf Söhnen haben vier die Insel verlassen, fängt der Häuptling das Erzählen von seiner Familie an. Leichter als vorher kommen ihm bei diesem Thema die englischen Worte in den Sinn. In die Hauptstadt Kuala Lumpur seien sie gezogen, sagt er, und seine Stimme wird schwerer. Nur der fünfte Sohn sei noch hier - er arbeite im Resort. Dann geht Awang zur Kochstelle und schöpft noch ein wenig Süßmilch mit Kartoffeln. Kampung Duku ist ein Dorf der Selbstversorger: In kleinen Gärten wachsen Papaya- und Bananenpflanzen, vor den Häusern hängen Leinen mit trocknenden Kokosnüssen. Auch in dieser Hinsicht freut man sich im Dorf über den Tourismus. Denn einmal in der Woche kommt ein Schiff zur Insel und liefert den Hotels Lebensmittel. Seitdem gibt es Limonade, Tütensuppen, Chips und andere Produkte vom Festland in einem der drei Dorfgeschäfte zu kaufen. Noch einen weiteren entscheidenden Vorteil brachte die touristische Erschließung mit sich: Weil sich die Hotelanlagen nur selbst mit Elektrizität versorgen, ließ die malaysische Regierung Solarzellen für die Dorfbewohner installieren. Jetzt, in der Mittagshitze während der Siesta, sind es nur diese Solarzellen, die Arbeit tun. Und dank ihnen - in fast jedem der Holzhäuser - auch ein Ventilator. Für Mister Awang und seine Frau ist am heutigen Tag nicht der erste Regen, auf den sie warten. Lauwarm wird er sein, keine große Erfrischung bringen. Und wahrscheinlich wird nach ihm noch ein nächster kommen. In welchem Rhythmus die Insel Sibu schläft, arbeitet, isst und ruht, bestimmen Hitze und Schauer. Auf die Uhr brauchen Awang und seine Frau jedenfalls nicht zu schauen. INFO · Sprache: Amtssprache ist Malaiisch. Jedoch machen die Ureinwohner (Malaien) nur knapp über die Hälfte der Bevölkerung des Staatsgebietes aus. Zu den malaysischen Staatsbürgern (Malaysier) gehören auch Chinesen, Inder und Angehörige anderer Ethnien. Auch englische Einflüsse der ehemaligen Besatzungsmacht prägen das Land bis heute. · Anreise: Sibu ist Teil des Seribuat-Archipels vor dem Ostküstenstaat Johor. Am besten erreicht man die Insel mit dem Motorboot ab Tanjung Leman. Von hier aus bieten die meisten Resorts ihren Gästen einen Bootstransport an. Um zur Anlegestelle zu kommen, bietet es sich an, ein Taxi oder einen Minibus zu nehmen. Von der Hauptstadt Kuala Lumpur kommend dauert die Fahrt etwa fünf Stunden. Wer in Singapur startet, braucht eine Stunde. · Reisezeit: Von November bis Februar sollte man die Ostküste wegen des Nordost-Monsuns meiden. Zwar ist es das ganze Jahr über mit 23 bis 34 Grad sehr warm. Doch heftige Stürme und tagelange Dauerregen sind in den Wintermonaten keine Seltenheit. Die meisten Resorts empfangen ihre Gäste deshalb erst im Frühling. Manche von ihnen machen jedoch zur Jahreswende eine Ausnahme. · Mitnehmen: Unverzichtbar sind ein gutes Moskitospray und lange Kleidung für den Abend zum Schutz vor lästigen Stechinsekten. Außerdem ist wasserfestes Schuhwerk sowohl auf der Insel als auch auf dem Festland ratsam, um auf Wetterumschwünge vorbereitet zu sein. Anna Mirecki, Stipendiatin der Passauer Neuen Presse, reiste auf Einladung des Malaysia Tourism Promotion Board. |








